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Wir brauchen eine KI-Richtlinie. Was muss da rein?

Eine KI-Richtlinie ist nirgends vorgeschrieben. Sie ist trotzdem das praktischste Werkzeug, das Sie haben — weil sie mehrere Pflichten gleichzeitig bedient und weil sie, anders als eine Betriebsvereinbarung, keine Verhandlung braucht. Die Grenze dieses Vorteils ist allerdings scharf.

Warum eine Richtlinie, wenn es keine Pflicht dazu gibt

Die Frage ist berechtigt, und die ehrliche Antwort lautet: Die Richtlinie ist kein Selbstzweck, sondern das Mittel mit dem besten Verhältnis von Aufwand zu Wirkung. Drei Gründe, in der Reihenfolge ihrer praktischen Bedeutung.

1. Sie macht den Einsatz sichtbar

Der häufigste Zustand im Mittelstand ist nicht „KI ist verboten" und nicht „KI ist geregelt", sondern niemand weiß, was läuft. Eine Richtlinie, die eine Positivliste und einen Freigabeweg benennt, erzeugt den ersten verlässlichen Mechanismus, über den neue Werkzeuge überhaupt bekannt werden.

2. Sie bedient die Kompetenzpflicht

Artikel 4 der KI-Verordnung verlangt seit Februar 2025 ausreichende KI-Kompetenz des Personals. Eine externe Schulung ist dafür nicht vorgeschrieben — verständliche Leitlinien und dokumentierte Einweisung sind ein gangbarer Weg. Die Richtlinie ist genau dieses Dokument.

Quelle: Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung), Artikel 4, anwendbar seit 2. Februar 2025. Artikel 50 (Transparenz- und Kennzeichnungspflichten), anwendbar seit 2. August 2026. · Stand Oktober 2026

3. Sie ist einseitig erlassbar

Anders als eine Betriebsvereinbarung braucht eine Richtlinie keine Einigung. Das ist ihr Vorteil — und zugleich die Stelle, an der sie überschätzt wird. Dazu unten mehr.

Was hineingehört

Neun Abschnitte, jeder mit einem Zweck. Ein Abschnitt ohne erkennbaren Zweck wird beim ersten Kürzen gestrichen, und erfahrungsgemäß ist es der, der später gebraucht wird.

Gliederung einer KI-Richtlinie in neun Abschnitten, von Geltungsbereich und erlaubten Werkzeugen über Datenverbote, Freigabeweg, menschliche Aufsicht und Kennzeichnung bis zu Kompetenz, Meldeweg und Überprüfung.
Vier Abschnitte bedienen geltende Pflichten. Die übrigen fünf entscheiden, ob die Richtlinie anwendbar ist. — auf schmalen Bildschirmen seitlich scrollbar.

Der häufigste Fehler: Richtlinie statt Vereinbarung

Hier liegt das eigentliche Risiko dieses Instruments. Eine Richtlinie ist eine Weisung des Arbeitgebers. Sie bindet die Beschäftigten — aber sie ersetzt kein Mitbestimmungsrecht.

Wo Mitbestimmung besteht, kann eine Richtlinie die Einführung nicht tragen. Sie regelt dann etwas, das ohne Einigung gar nicht hätte starten dürfen.

Der praktisch wichtigste Fall ist § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG: Ist ein Werkzeug geeignet, Verhalten oder Leistung der Beschäftigten zu erfassen, besteht ein echtes Mitbestimmungsrecht — und zwar bereits bei objektiver Eignung, ohne dass eine Überwachungsabsicht vorliegen müsste. Viele KI-Werkzeuge erfüllen das als Nebenprodukt, etwa wenn sie Bearbeitungszeiten oder Sprechanteile protokollieren.

Die saubere Reihenfolge ist deshalb nicht „Richtlinie statt Vereinbarung", sondern:

  1. Richtlinie für das Verhalten im Umgang mit freigegebenen Werkzeugen — sofort umsetzbar.
  2. Prüfung je Werkzeug, ob ein Beteiligungsrecht greift.
  3. Betriebsvereinbarung für die Systeme, bei denen es greift.

Wer Schritt 2 überspringt, hat eine Richtlinie, die ordentlich aussieht und im Konfliktfall nicht hält.

Gegenüberstellung zweier Vorgehensweisen: links die tragfähige Reihenfolge aus KI-Richtlinie, Prüfung je Werkzeug und Betriebsvereinbarung, rechts der verbreitete Fehler, bei dem die Prüfung übersprungen wird.
Links die Reihenfolge, die hält. Rechts die, die im Konflikt auffliegt. — auf schmalen Bildschirmen seitlich scrollbar.

Was eine Richtlinie nicht leistet

Das ist der Teil, der in Vorlagen fehlt. Eine Richtlinie ist ein Verhaltensdokument. Sie beantwortet Fragen der Form „was darf wer" — und keine der folgenden:

FrageRichtlinieWo sie hingehört
Welche KI-Systeme setzen wir ein?NeinRegister
Wer ist für dieses System verantwortlich?Nur als Rolle, nicht je SystemRegister
Welche Fassung galt im März?NeinÄnderungshistorie
Wer wurde wann eingewiesen?NeinNachweise
Was legen wir einem Kunden vor?Die Richtlinie ist ein Baustein, nicht die AntwortNachweispaket

Das ist keine Kritik an dem Instrument, sondern eine Arbeitsteilung. Eine Richtlinie, die zusätzlich eine Systemliste enthält, veraltet im Takt der Systemliste — und muss dann jedes Mal neu erlassen werden. Beides zu trennen ist der Grund, warum das Register ein eigenes Objekt ist und nicht ein Anhang.

Zwei Spalten im Vergleich: die KI-Richtlinie als Verhaltensdokument mit Fragen wie wer darf was, und das KI-Register als Dokumentationsobjekt mit Fragen wie welche Systeme im Einsatz sind und welcher Stand wann galt.
Zwei Dokumente mit getrennten Aufgaben. Wer sie zusammenlegt, muss die Richtlinie bei jedem neuen Werkzeug neu erlassen. — auf schmalen Bildschirmen seitlich scrollbar.

Wie Sie anfangen

  1. Bestand klären. Ohne Liste der tatsächlich genutzten Werkzeuge schreiben Sie eine Richtlinie gegen eine Vermutung. Shadow AI sichtbar machen ist hier der Vorschritt.
  2. Positivliste festlegen. Drei bis fünf freigegebene Werkzeuge genügen für den Anfang. Eine kurze Liste, die gilt, ist besser als eine vollständige, die niemand pflegt.
  3. Datenverbote konkret benennen. „Keine sensiblen Daten" wird unterschiedlich gelesen. „Keine Personaldaten, keine Gesundheitsdaten, keine Kundendaten, keine Zugangsdaten" wird es nicht.
  4. Freigabeweg mit Frist versehen. Ohne benannte Frist wird der Weg umgangen statt eingehalten.
  5. Beteiligung prüfen, bevor Sie die Richtlinie in Kraft setzen.
  6. Überprüfungstermin eintragen. Ein Datum, kein Vorsatz.

Was Regovio dazu beiträgt

Zur Abgrenzung: Regovio liefert keine Richtlinienvorlage und keinen Mustertext. Wir halten Vorlagen in diesem Feld für ein zweischneidiges Angebot — eine übernommene Richtlinie, die nicht zum eigenen Bestand passt, erzeugt Papier und kein Verhalten. Was Regovio abdeckt, ist die Faktenlage, auf die eine Richtlinie sich beziehen muss.

AnforderungRegovioStand
Bestand erfassen, auf den die Richtlinie sich beziehtRegister mit Typ, Einsatzkontext und Anbieterheute verfügbar
Freigaben dokumentierenAppend-only Audit-Log mit Akteur und Zeitpunktheute verfügbar
Menschliche Aufsicht je System festhaltenFeld in der strukturierten Bewertungheute verfügbar
Einweisungsnachweise führenNachweise mit Typ, Quelle, Gültigkeit, Versionenheute verfügbar
Offene Punkte sichtbar machenLückenlisten und Governance Score je Dimensionheute verfügbar
Richtlinientext verwalten, Versionen der RichtlinieAls Nachweisobjekt ablegbar, aber kein Redaktionswerkzeugteilweise
Vorlagen, Mustertexte, TextgeneratorNicht enthalten und nicht geplantauf der Roadmap — heute nicht enthalten